Katharina Lankers
Autorin

(erschienen 2014 im Literarischen Adventskalender von 1001 Buch; vertont von Denise Monteiro)
© 2014

Der Wunsch

 „Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“, fragt der Kellner, als er mir einen Cappuccino an den kleinen Tisch bringt. Widerstrebend wende ich den Blick vom dichten Schneetreiben hinter dem Fenster ab. Er steht abwartend da und sieht mich freundlich an. Die Worte „Nein“ und „Danke“ haben sich bereits auf meiner Zungenspitze in Position gebracht und wollen gerade abspringen, als ich sie im letzten Moment zurückhalte und herunterschlucke. Ein Echo hallt in meinem Kopf. Sonst noch einen Wunsch? … einen Wunsch? … einen Wunsch?

Ich greife nach dem Zuckertütchen aus Papier, das auf meiner Untertasse liegt.

„Ach, wenn Sie mich so fragen - ja, ich habe noch einen Wunsch.“

Eine winzige Disharmonie in der Bewegung verrät, dass sein Körper schon im Begriff war, den ersten Schritt von meinem Tisch weg zu machen. Jetzt wendet er sich mir wieder voll zu, das professionelle Lächeln wie maßgeschneidert in seinem Gesicht.

„Gerne, ich höre?“

„Ich wünsche mir, dass der Wind ein wenig dreht.“ Ich deute mit meinem Kopf in Richtung Fenster, während ich das Zuckertütchen aufreiße. Im kastanienbraunen Blick des Kellners taucht ein kurzes Flackern auf, das auch sein Lächeln durchzuckt. Er öffnet die Lippen und ich beeile mich weiter zu sprechen, bevor er etwas entgegnen kann.

„Sehen Sie – die Schneeflocken da draußen treiben von uns weg.“

Weiße Zuckerkörner rieseln in meine Tasse und die gekräuselten Augenbrauen des Kellners erinnern mich an Fragezeichen.

„So fallen sie einfach auf die Straße und verschwinden im Matsch“, erkläre ich. „Aber wenn der Wind die Richtung ändert, dann weht der Schnee vielleicht gegen unser Fenster. Wir könnten sehen, wie die Flocken auf dem Glas schmelzen, wie sie als Wassertröpfchen die Scheibe herunter laufen und dabei schöne Muster malen. Das hätte ich gerne.“

Der Kellner legt jetzt den Kopf ein wenig schief, die Mundwinkel scheinen mit seinem Lächeln um Einigung zu ringen. Mit den Fingerspitzen beider Hände knülle ich das leere Zuckertütchen zu einem kleinen Ball zusammen und lausche den Worten, die aus meinem Mund purzeln.

„Wenn ich’s mir recht überlege, dann habe ich nicht nur einen Wunsch, sondern sogar eine ganze Menge.“

An seiner Körperhaltung ändert sich etwas, vielleicht hat er das Standbein gewechselt. Ich sehe seine Hand in Richtung Hosentasche wandern, in der sein Notizblock steckt. Er holt ihn aber nicht hervor, sondern bleibt mit der Hand an der Hüfte neben meinem Tisch stehen. Seine Lippen formen jetzt ein sanftes „O“, doch es sieht nicht mehr so aus, als wolle er meinen Redefluss bremsen.

„Dieser Tisch hier zum Beispiel“. Meine Finger drücken sich flach auf das kratzige ockerfarbene Tuch, das die abgestoßene Tischplatte nicht ganz bedeckt.

„Ich wünschte, hier würde eine schöne alte Tischdecke liegen, handgeklöppelt zum Beispiel, oder auch bestickt – ja, am liebsten eine selbst bestickte von meiner Großmutter. Im Plattstich, weiß mit bunten Wiesenblumen drauf.“

Auf meinem Handrücken zeichnen sich ein paar bläuliche Adern ab. Ich berühre die schlanke kleine Vase in der Mitte des Tisches, die eine rote Plastiknelke beherbergt, verschiebe sie um ein paar Zentimeter, so dass ein Fleck auf dem Tischtuch von ihr verdeckt wird.

„Und in der Vase hier sollten lieber kleine wilde Heckenrosen sein, echte natürlich - frisch gepflückt und weit aufgeblüht. Ein helles Rosa wäre gut, sie dürften auch gerne ein paar Blätter verlieren. Die würden sich dann hauchdünn auf der Tischdecke ausbreiten und ich könnte sie zwischen den Fingerkuppen rollen, so dass ihr Duft in die feinen Rillen meiner Haut strömt und ich noch Stunden später daran schnuppern kann.“

Weil ich das imaginäre Rosenblatt nicht von meinen Fingerspitzen lassen möchte, greife ich mit der anderen Hand zum Kaffeelöffel und lasse ihn mit langsamen kreisenden Bewegungen durch den Milchschaum in meiner Tasse gleiten. Dunkelbraune Augen fangen meinen Blick auf, als ich den Kopf hebe, und wie von selbst fließen meine Worte weiter.

„Ich wünsche mir, dass die Teambesprechung nachher ausfällt und ich den ganzen Nachmittag im Café sitzen, Schneeflocken beobachten und Kreuzworträtsel lösen kann. Dass ich Zeit habe so viel ich will, Zeit so satt und voll wie überquellender Grießbrei. Mein größter Wunsch ist, dass sich die Erde ein bisschen langsamer dreht.“

Als ich den Löffel aus der Tasse hebe, dampft er und ein bisschen Kaffeeschaum hängt daran. Ich lasse ihn abtropfen, lege ihn wieder auf die Untertasse.

„Außerdem wünsche ich mir, dass der kaputte Reißverschluss von meiner Lieblingsjeans wieder heil ist. Dass es beim Gemüsehändler an der Ecke nachher reife Avocados gibt, und dass mich zuhause eine aufgeräumte Wohnung erwartet, die heimelig beleuchtet ist und nach frischer Zitrone riecht. Ich wünsche mir, dass die alte Dame im Erdgeschoss Besuch von ihrer Enkelin hat und ich ihr Lachen durch die dünnen Mauern hören kann. Dass mein Vater einen schmerzfreien Tag hatte und dass seine Heizung wieder funktioniert. Dass mein kleiner Neffe von seinen Klassenkameraden nicht mehr geärgert wird, und dass in den Nachrichten mal nur Gutes berichtet wird. Ich möchte eine Wärmflasche unter meinem Federbett, und ich wünsche mir, dass ich nachts endlich gut schlafen kann.“

Ich weiß nicht genau, wann er sich zu mir an den Tisch gesetzt hat, registriere nur beiläufig, dass mir die Augen des Kellners jetzt wie große runde Teller voller Schokolade auf gleicher Höhe entgegen blicken. Seine Brauen sind nicht mehr gekräuselt, sondern ausgebreitet wie schützende Baldachine, seine geschwungenen Lippen sehen weich und sanft aus, und das breite Lächeln in seinem Gesicht scheint sich mit den Mundwinkeln einig zu sein.

Meine Hand liegt immer noch zwischen Plastiknelke und Cappuccinotasse. Ein Zeigefinger fährt ganz sachte über die Adern auf meinem Handrücken. Seine Wärme dringt tief unter meine Haut, und ich spüre, wie die gute alte Erde ganz allein für mich ein paar Augenblicke lang ihre Geschwindigkeit drosselt.

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