Katharina Lankers
Autorin

(erschienen 2016 in der Anthologie "Abgestürzte Absinthtorte" von CarpeGusta; Literaturwettbewerb zum Thema "Genuss")
© 2016

Sommerabend

Christa presste ihr Perlenhandtäschchen in den Schoß und beugte sich gespannt nach vorne. Der Opernsaal war in sanftes Dunkel getaucht und das Orchester begann mit der Ouvertüre. Manfred hatte seine warme Hand auf ihren Rücken gelegt und streichelte sie zart. Sie wusste, wie sehr er es genoss, dass sie ihn endlich einmal in seine Lieblingsoper begleitete. Allzu viel konnte sie mit klassischer Musik zwar nicht anfangen, aber vielleicht würde es ja ganz nett werden. Immerhin hatte sie so einmal Gelegenheit, ihr langes auberginefarbenes Kleid mit der silbernen Stola zu tragen - der Stoff knisterte bei jeder Bewegung auf ihren Schultern und versetzte sie in eine angenehm feierliche Stimmung.

Manche Gäste nahmen es mit dem Dresscode leider nicht so genau – Manfred hatte sich schon beim Sekt im Foyer darüber mokiert, dass einige hier in Jeans und T-Shirt herumliefen. Einer von dieser Sorte saß auch noch ausgerechnet neben ihnen in der Loge, auf Christas rechter Seite. Speckige Jeans, Turnschuhe und ein ungepflegter Vollbart. Naja.

Als sich der Vorhang öffnete, holte Christa ihr Opernglas aus dem Handtäschchen. Der Typ neben ihr nahm auch etwas aus dem Stoffbeutel, den er zu seinen Füßen drapiert hatte. Eine bunt gekleidete Gestalt auf der Bühne begann gerade singend zu behaupten, dass er ein Vogelfänger sei, da vernahm sie neben sich ein merkwürdiges Geräusch. Wie ein gedämpftes Krachen. Es folgte ein rhythmisches Knirschen, dessen Lautstärke allmählich abnahm, dann ein erneutes dumpfes Krachen. Gleichzeitig stieg Christa ein unverkennbarer Geruch in die Nase. Würzig. Nicht unangenehm, aber er passte irgendwie nicht hier her. Christa wendete den Kopf nach rechts und glaubte ihren Augen nicht zu trauen – tatsächlich: der Operngast neben ihr hatte eine angebissene Möhre in der Hand und kaute seelenruhig vor sich hin. Als er ihren entgeisterten Blick wahrnahm, lächelte er sie freundlich an und biss wieder ungeniert in die frische Karotte, an der sogar noch das Grünzeug hing. Christa saß wie versteinert, drehte mechanisch den Kopf wieder nach vorne und versuchte dem Vogelfänger gedanklich zu folgen, begleitet vom irritierenden Geräusch der Möhre, die beharrlich zermalmt wurde.

„Das darf ja wohl nicht wahr sein!“ vernahm sie Manfreds flüsternde Stimme direkt an ihrem Ohr. Sie legte ihm beschwichtigend eine Hand aufs Knie und schüttelte stumm den Kopf. Krach – wieder biss der Nebenmann herzhaft zu. Auf der Bühne himmelte jetzt ein Jüngling mit Fistelstimme das angeblich bezaubernde Bildnis einer jungen Dame an. Knirsch, knirsch, knirsch. Und dazu dieser Duft! Vor Christas geistigem Auge tauchte ihr Gemüsebeet auf, im späten Frühjahr, wenn das saftig grüne Möhrenlaub fedrig über der Erde schwebte und man mit einem leichten Zug eine dieser herrlichen knallorangen Wurzeln aus der feuchten Erde an die Oberfläche befördern konnte. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Vorsichtig schielte sie nach rechts, als der Kerl sich wieder hinab beugte, um die nächste Möhre aus seiner Stofftasche zu holen. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie er das Grünzeug liebevoll glatt strich, bevor er die Karotte zum Mund führte und das wohlbekannte Geräusch ihr Trommelfell erschütterte. Wie konnte man bloß möhrenkauend überhaupt etwas von der Musik wahrnehmen? Wenn sie sich vorstellte, wie jeder Bissen ein kleines Erdbeben in ihr auslösen würde, ihr ganzer Kopf von Knirschen erfüllt wäre…nicht auszudenken! Der wunderbar herbe Duft umschmeichelte wieder ihre Nasenflügel, benetzte ihre Schleimhäute, und unwillkürlich begann sie gierig zu schnüffeln, um möglichst viel davon in sich aufzunehmen. Das Gefühl der glatten Möhrenfragmente auf der Zunge, der Geschmack knackiger Frische musste einfach umwerfend sein!

Manfred scharrte ungeduldig mit den Füßen und räusperte sich vernehmlich. Christa versuchte so zu tun, als ließe der Möhrenfresser sie völlig kalt. Krach – sie schluckte heftig, hob ihr Opernglas vors Gesicht und umklammerte es verkrampft. Konzentration! Auf der Bühne waren nun der Vogelfänger und der Jüngling umringt von ein paar Damen, die mit einer Flöte und einem Vorhängeschloss hantierten. Da plötzlich verdunkelte sich das Bild vor ihren Gläsern. Erst blinzelte sie, dann nahm sie das Glas von den Augen und sah direkt vor ihrem Gesicht eine dicke, pralle Karotte baumeln. Sie fuhr zurück und starrte ihren Nebenmann entsetzt an. Mit einem breiten Grinsen hielt er ihr die frische Möhre vor die Nase und nickte ihr aufmunternd zu.

Später wusste Christa selbst nicht mehr genau, was eigentlich geschehen war – geschweige denn, welches Ende die Geschichte mit dem Vogelfänger und dem Jüngling genommen hatte. Manfred stierte verbissen durch die Windschutzscheibe hinaus ins Dunkel, während sie über die Autobahn dahin jagten. Christa hingegen kuschelte sich zufrieden in den Beifahrersitz, dachte an laue Sommerabende auf dem Land und pulte sich mit der Zunge ein kleines Stückchen Karotte aus einem Backenzahn.

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